- Home
- Cordinger Mühle und Tradition
- Mühlensprache prägte Alltag und Kultur

Mühlensprache prägte Alltag und Kultur
10/2026 - Wenn der "Tanzmeister" sich dreht, bewegt das vierkantige Bauteil den "Rüttelschuh", und dann "klappert die Mühle am rauschenden Bach". Das Kinderlied zeigt, wie wichtig und angesehen Mühlen, Müller und ihr Handwerk in alten Zeiten waren. Auch heute sind sie lebenswichtig, immer noch mahlen Mühlen "uns Korn zu dem kräftigen Brot, und haben wir solches, so hat’s keine Not." Knecht Johann erläuterte bei einer FORUM-Führung, wo im früheren Alltag die Bedeutung von Mühlen Ausdruck fand.
Denn früher gehörte der Müller zum Alltagsbild. Ohne ihn wurde aus Korn kein Mehl, und ohne Mehl gab es kein Brot. In einer Zeit, in der es nur wenig Lebensmittel gab, die länger haltbar waren, entschieden Korn und Mehl, ob man über den Winter kam oder nicht. Regelmäßige Missernten waren gerade für ärmere Bevölkerungsschichten hart. Das "Jahr ohne Sommer", als ein Vulkanausbruch in Indonesien 1816 den Himmel in Nordeuropa verdunkelte, oder die Kartoffelfäule ab 1845 verursachten Hungertod, Auswanderung und gesellschaftliche Spannungen. Die Gebetszeile "Unser tägliches Brot gib' uns heute" war also als ganz praktische Bitte gemeint.
Aus der Bibel stammt auch, "die Spreu vom Weizen zu trennen", also Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden, und belegt damit, dass die Müllerei bereits in der Antike einen alltäglichen Stellenwert hatte. Aus dem praktischen Leben mit Mühlen hat sich dabei auch die Redewendung "wer zuerst kommt, mahlt zuerst" ergeben für die Beschreibung, dass man sich in Warteschlangen hinten anstellt. Und wenn jemand großes Pech hatte, war die Person "gebeutelt", womit das Ausschlagen des Mehls aus einem Beutel mit Mahlgut gemeint war.
Noch heute fällt auf, wie häufig ein Müller oder eine Mühle in Musik, Märchen und Geschichten vorkam. In Schuberts Liederzyklus "Die schöne Müllerin" war das "Wandern des Müllers Lust", wenn ein Geselle auf der Walz war, und bei Wilhelm Busch endeten "Max und Moritz" beim Müller, der sie - ricke-racke - zu Futter für das Federvieh verarbeitete.
Am deutlichsten sieht man in den Grimmschen Märchen, wie selbstverständlich präsent Müller als Figuren oder Mühlen als Schauplätze vorkamen. "Rumpelstilzchen" wurde von einer Müllertochter betrogen, der Esel der "Bremer Stadtmusikanten" hatte sein Arbeitsleben an einer Mühle verbracht, und auch der "Gestiefelte Kater" diente einem Müllersohn. Teuflisch hingegen war der "schwarze Müller" aus der sorbischen Sage "Krabat", der nur mit der wahren Liebe besiegt werden konnte.
So gegenwärtig wie Müller und Mühlen früher sind heute kaum eine Einrichtung oder ein Beruf. Ginge man nach dem Fernsehprogramm als Spiegel des heutigen Alltags wären es wohl Kriminalkommissare, Köche und Ärzte. Das "tägliche Brot" bräuchte man trotzdem noch.


















