Schmidts Benefelder Zeit begann vor 75 Jahren

A16 Schmidt mit Tandem quer12/2020 - Arno Schmidt ist einer der bedeutendsten deutschsprachigen Autoren der Nachkriegszeit. Mit seiner bildhaften Sprache, den unkonventionellen Wortmalereien und seinem besonderen Humor hat der Dichter, der 1979 in Celle starb, bis heute eine Fangemeinde von Bewunderern. Seine gelegentlich eigenwillige Rechtschreibung und die mehrdimensionale Erzählweise sind für den Leser zwar nicht einfach, aber gleichzeitig auch spannend. Sein Großwerk „Zettel’s Traum“ – das bis heute größte und schwerste Buch in deutscher Sprache – ist legendär und wurde vor 50 Jahren veröffentlicht. 25 Jahre vorher gelangten Arno und seine Frau Alice Schmidt am 29. Dezember 1945 auf den Cordinger Mühlenhof in Benefeld, wo er sich später entschied, hauptberuflich Schriftsteller zu sein.

Die britische Armee befreite am 16. April 1945 Benefeld und die Umgebung und beendete damit den Zweiten Weltkrieg in der Region. Zeitgleich gelangte Arno Schmidt in der Nähe von Cloppenburg in britische Kriegsgefangenschaft. Soldat war er mit Abscheu. Später sagte er über diese Zeit, „die Nazis haben mir mein Debut versaut.“

Schnell konnte er mit seinen guten Englischkenntnissen bei den Briten Übersetzeraufgaben übernehmen, gelangte zur Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft nach Munsterlager und konnte seine Frau nachholen. Die Chance, als Dolmetscher bei der Hilfspolizeischule in Benefeld zu arbeiten, ergriffen die beiden schnell und kamen so kurz vor Jahresende 1945 an den Mühlenhof.

Mit Arno und Alice Schmidt wurden hier zwölf weitere Familien mit insgesamt fast vierzig Personen eingewiesen, die genauso mittellos waren wie das junge Ehepaar. Ein Zimmer mit wenig Mobiliar bewohnten die beiden und schliefen in Schichten auf der kleinen Pritsche: Nachts schrieb Arno Schmidt unter anderem an Übersetzungen und seinem Erstlingswerk „Leviathan“, während seine Frau schlief. Tagsüber schlief er, und Alice brachte die Texte in Reinform.

Der Mühlenhof hingegen schlief nie. Das Fachwerkhaus war hellhörig, die Holzbohlen knarzten, und die Flüchtlingskinder nahmen beim Spielen wenig Rücksicht auf den Sonderling Schmidt. Seine Sorge, mit seiner Arbeit den Lebensunterhalt nicht verdienen zu können, und seinen Frust über die unzureichenden Arbeitsbedingungen und die hoffnungslose Lage wusste Alice Schmidt klug zu besänftigen. Bei fast täglichen Spaziergängen konnte sie oft drei Dinge verbinden: Mit gesammelten Pilzen organisierte sich das Ehepaar Mahlzeiten, in ihrer Abwesenheit musste der Ofen in ihrem Zimmer das wertvolle Brennholz nicht verfeuern, und Arno konnte abgelenkt, beruhigt und ermutigt werden. Ohne seine Frau wäre Arno Schmidt wohl nicht beim Beruf des Schriftstellers geblieben.

Trotz der Armut, unter der die beiden litten, hatte das junge Ehepaar eine prägende und liebevolle Zeit am Mühlenhof. Während sie sich hauptsächlich mit Gelegenheitsarbeiten und den Care-Paketen von Arnos Schwester Lucie aus den USA über Wasser hielten, schweißten die Not und die widrigen Bedingungen die beiden zusammen. Sie ertrugen ihre Lage in Zweisamkeit, spielten in ihrer freien Zeit Schach, philosophierten über Literatur, lasen sich gegenseitig vor und gaben sich Kosenamen: Unter anderem nannte sie ihn ihren „Brumminator“, und er sie seine „Apfel-Muse“. Und sie träumten: Ein kleines Telefonhäuschen der Eibia malten sie sich in ihrer Phantasie als ihr Eigenheim aus, skizzierten die Raumaufteilung und schmiedeten Pläne. Groß war schließlich ihre Enttäuschung, als das Gebäude mit der Nummer „B.1107“, das auf dem heutigen Parkplatz des Sportplatzes Benefeld stand, der Demontage zum Opfer fiel und gesprengt wurde.

Auch wenn sie nur wenige Einnahmen brachten, entstanden in Schmidts Benefelder Zeit z.B. wichtige Übersetzungen von Texten von Edgar Allan Poe, seine Erzählungen „Gadir“ und „Enthymesis“ und der Kurzroman „Leviathan oder Die beste der Welten“. Der erschien bei Rowohlt und erregte Aufsehen in der Literaturwelt. Und auch Alice schrieb: Ihr Tagebuch ist heute veröffentlicht und eine sehr persönliche und intime Beschreibung des Innenlebens eines Schriftstellerehepaars und der damaligen besonderen Zeit.

Maßgeblich für die fünf Jahre auf dem Mühlenhof ist aber vor allem die Prägung, die Arno Schmidt als Autor aus seiner Lebenssituation als Flüchtling in Benefeld erfuhr: Das desperate Empfinden, an einem Ort zu sein, an dem er nicht sein wollte, von Gelegenheitsarbeiten leben zu müssen, die er nur widerwillig tat, und keine Aussicht zu haben, diese Situation aus eigener Kraft ändern zu können, ist die Stimmung in seinem Frühwerk. Die Novellen „Schwarze Spiegel“, „Aus dem Leben eines Fauns“ und „Brand’s Haide“ machen dieses beklemmende Empfinden aus unterschiedlichen Blickwinkeln spürbar. Nur selten fanden Autoren Worte für diese bedrückende Lebenssituation.

Für die Region Benefeld sind die drei Novellen, die Arno Schmidt später zur Trilogie „Nobodaddy’s Kinder“ zusammenfasste, ein bemerkenswertes Zeitzeugnis. Die Cordinger Mühle, die Holzindustrie oder auch die Siedlungen in Hünzingen und Benefeld sind die Schauplätze, die noch heute auffindbar sind und damit in der deutschen Literatur einen Platz gefunden haben. Der „Arno-Schmidt-Pfad“ an der Cordinger Mühle zeigt noch heute einen fiktiven Weg, den das Ehepaar regelmäßig gegangen sein kann und auf dem vielleicht Inspirationen für den Schriftsteller entstanden.

Fünf Jahre später, am 30.11.1950, verließen Arno und Alice Schmidt schließlich den Cordinger Mühlenhof und wurde nach Gau-Bickelheim umgesiedelt. Auch wenn sie nur zu gern die beengte Lage und die Zeit in Armut hinter sich ließen, liebten sie die karge Heidelandschaft der Region und fühlten sich ihr verbunden. Als Zeichen ihrer Verbundenheit machten sie sich die Mühe und nahmen eine kleine Weymouthkiefer aus dem Wald am Mühlenhof in einem Blumentopf mit auf die Reise. Der Topf begleitete sie auf allen Ihren Stationen, bis die Kiefer später vor ihrem Eigenheim in Bargfeld bei Celle eingepflanzt wurde. Dort steht sie als ein Stück Cordinger Mühlenhof noch heute – 75 Jahre nachdem es Arno und Alice Schmidt nach Benefeld verschlug.

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