Aktuelle Seite: HomeAktuellesNachrichtenEIBIA und OrtsgeschichteEin beklemmendes und auch lebendiges Zeitdokument

Ein beklemmendes und auch lebendiges Zeitdokument

09/2018 - Klaus Seckel vom Gut Charlottenthal bei Dorfmark war 16 Jahre alt, als er 1945 in Auschwitz zu Tode kam. Seine Eltern hatten ihn in einem niederländischen Internat vor den Nazis schützen wollen, wo er auch einige Jahre verbrachte. In dieser Zeit schrieb er Tagebücher, in denen er lebendig, feinsinnig und auch altersgemäß seinen Alltag beschrieb: Greifbar werden seine Entwicklung vom Kind zum Jugendlichen, sein Heimweh und seine beklemmende Erkenntnis, wie Schritt für Schritt die alltägliche Bedrohung durch die Nazis wuchs. Dr. Wolfgang Brandes stellte die Tagebücher beim FORUM in einer Lesung vor: ein Zeitdokument, das Schullektüre werden sollte.

Einige Wochen nach der FORUM-Lesung besuchten Familienangehörige von Klaus Seckel das Gut Charlottenthal und wurden von Dr. Stephan Heinemann und Dr. Wolfgang Brandes zu den Spuren ihrer Familiengeschichte geführt.

Walsroder Zeitung vom 27.10.2018: „Nie wieder Hass und Verfolgung“. 80 Jahre nach der Reichspogromnacht: Drei Schulen laden zu Erinnerung und Mahnung ein. Besuch aus Paris.

Elisabeth und Olivier Bickart, heute wohnhaft in Paris, erwischten einen dieser typisch norddeutschen schmuddeligen Herbsttage. Und doch präsentierten sich beide fröhlich und hoch interessiert bei ihrem Besuch auf den Spuren der Familiengeschichte – sogar beim Abstecher mitten im noch verwaisten „Industriegebiet Einzinger Straße“ in Dorfmark, dessen Erschließungsweg Klaus-Seckel-Straße heißt. Elisabeth Bickart, geboren 1943, ist die Nichte von Klaus Seckel, die Tochter seines Halbbruders Alfred. Der Vater von Alfred und Klaus, Ernst Seckel, war der letzte Eigentümer des Hofes Charlottenthal in Unter-Einzingen vor der Umsiedlung der Menschen, die bei der Einrichtung des Truppenübungsplatzes Bergen 1936 ihre Heimat verlassen mussten.

Ein Abstecher nach Charlottenthal gehörte für Elisabeth Bickart und ihren Sohn Olivier ebenso zum Besuchsprogramm am Donnerstag wie eine Rundfahrt mit mehreren Bezugspunkten der Familie im Raum Dorfmark und Umgebung. Mitglieder des Heimatvereins Kirchspiel Dorfmark, der Bad Fallingbosteler Stadtverwaltung sowie Historiker Dr. Stephan Heimann und Stadtarchivar Dr. Wolfgang Brandes begleiteten die Gäste.

Hinter all dem steckt eine Geschichte, die auch 80 Jahre nach der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 nur Fassungslosigkeit auslösen kann. Klaus Seckel war der Sohn der letzten Eigentümerfamilie des Hofes „Charlottenthal“. Der Hof war 1899 von dem jüdischen Kaufmann Julius Seckel erworben worden, dessen Vorfahren bereits seit 1740 in Walsrode ansässig waren. Gemeinsam mit anderen angesehenen Einwohnern war er im Bürgervorsteherkollegium, im Schützenverein sowie in zahlreichen städtischen Ehrenämtern engagiert. Als Vorsteher der örtlichen jüdischen Gemeinde hielt er gleichzeitig an der religiösen Familientradition fest.

Doch als die Nazis an die Macht kamen, bestimmten Leid und Unrecht die Geschichte der Familie. Ernst Seckel wurde nach der Umsiedlung der Erwerb eines neuen landwirtschaftlichen Anwesens nicht gestattet, er zog er mit seiner Frau und dem achtjährigen Sohn Klaus nach Berlin, wo die Familie alle Schikanen des NS-Regimes zu erleiden hatte.

Klaus Seckel wurde am 20. Mai 1943 in das Durchgangslager Westerbork überführt, in dem ab August 1944 auch Anne Frank interniert war. Am 4. September 1944 kam er in das Konzentrationslager Theresienstadt, am 16. Oktober dann nach Auschwitz. Dort starb er am 28. Februar 1945. Auch sein Vater Ernst war im Konzentrationslager Theriesenstadt interniert worden. Er überlebte aber die Haft und konnte 1945 nach Berlin zurückkehren. Mehr über die Vorfahren und ihr Leben erfuhren auch Elisabeth, Pierre und Olivier Bickart am Abend bei dem Vortrag „Die Seckels – fünf Generationen einer Familie am Ort“ von Dr. Stephan Heinemann im Foyer der voll besetzten Felix-Nussbaum-Schule. Schulleiter Rüdiger Strack und Walsrodes Bürgermeisterin Helma Spöring machten in einleitenden Worten deutlich, dass „Hass und Verfolgung von Menschen nie wieder möglich sein darf“.

Go to top

FORUM Bomlitz e.V. © 2013